Radtourismus

Der Radtourismus ist tot. Es lebe der Radtourismus.

Der Radtourismus ist tot. Es lebe der Radtourismus.

Warum wir weniger über Fahrräder und mehr über Menschen reden sollten. Drei unbequeme Thesen zur Zukunft des Radtourismus – aus der Praxis, nicht vom Schreibtisch.

Outdoor Office. Diesmal mit Mikrofon statt Rennrad.

Normalerweise sitze ich auf dem Rad, entwickle Radreiseprodukte, erkunde Regionen, schreibe Geschichten oder beschäftige mich mit der Frage, warum Menschen ihren Urlaub ausgerechnet auf zwei Rädern verbringen möchten. Diesmal stand ich auf einer Bühne. Bei der TTG Travel Experience in Rimini, einer der wichtigsten Tourismusmessen Italiens, war ich eingeladen, für Italy Bike Hotels über die aktuellen Trends im Radtourismus zu sprechen. Ein interessantes Publikum. Schließlich saßen dort Menschen, die seit vielen Jahren wissen, wie man Radfahrer beherbergt, betreut und begeistert. Was erzählt man solchen Profis? Dass Gravel wächst? Dass E-Bikes wichtig sind? Dass Radfahrer gute Hotels und schöne Strecken schätzen? Das wissen sie selbstAlso habe ich meinen Vortrag mit einer anderen Behauptung begonnen: Der Radtourismus ist tot. Es leben der Radtourismus.

„IL CICLOTURISMO NON ESISTE PIÙ.“

Den Radtourismus gibt es nicht mehr. Natürlich war das eine Provokation. Aber hinter ihr steckt eine Beobachtung, die mich bei meiner Arbeit mit machurlaubfahrrennrad.com, dieketterechts.com und impulsetogo.com zunehmend beschäftigt. Es gibt nicht mehr den Radtouristen.

Vielleicht gab es ihn auch nie. Was wir heute unter Radtourismus zusammenfassen, sind höchst unterschiedliche Menschen, Motive, Erwartungen und Urlaubswünsche. Und je besser wir diese Unterschiede verstehen, desto deutlicher wird, dass viele unserer gewohnten Kategorien nicht mehr ausreichen. Daraus ergeben sich drei Entwicklungen, die meiner Meinung nach das touristische Angebot, das Marketing und letztlich auch die wirtschaftliche Zukunft vieler Radreiseanbieter verändern werden.

1. Schluss mit Fahrradtypen. Reden wir über Menschen.

Rennrad. Gravel. Mountainbike. E-Bike. So einfach kann Radtourismus sein. Zumindest in den Navigationsmenüs vieler touristischer Websites. Auch Italy Bike Hotels fragt auf seiner Website: „Che ciclista sei?“ – Was für ein Radfahrer bist du? Und bietet als Antworten unter anderem Road, Gravel, MTB und E-Bike an. Das ist eine sinnvolle Einteilung. Aber sie beantwortet nur einen Teil der Frage.

Nehmen wir zwei Menschen. Der eine hat gerade sein erstes Rennrad gekauft. Er weiß noch nicht genau, wie man in einer Gruppe fährt. Er ist unsicher, ob er bei den anderen mithalten kann. Vielleicht hat er noch nie einen Alpenpass bezwungen. Der andere ist ehemaliger Rennfahrer. Er fährt 15.000 Kilometer im Jahr, liebt lange Anstiege und betrachtet 120 Kilometer mit 2.000 Höhenmetern als angenehme Vormittagsbeschäftigung. Beide fahren Rennrad. Aber wollen sie deshalb denselben Urlaub?

Wohl kaum.Der eine sucht Sicherheit, Gemeinschaft, Anleitung und das gute Gefühl, etwas Neues zu schaffen.Der andere sucht Leistung, Herausforderung, anspruchsvolle Strecken und Gleichgesinnte auf seinem Niveau. Und dann gibt es noch die Rennradfahrerin, die alleine verreist und Anschluss sucht. Das Paar mit unterschiedlichem Leistungsniveau. Die Freundesgruppe, die vor allem gemeinsam eine gute Zeit verbringen möchte. Oder den ambitionierten Hobbysportler, der im März gezielt für die Saison trainieren will.

Alles Rennradfahrer. Alles unterschiedliche Urlaubswünsche.

Was mir die Nachfrage tatsächlich erzählt

Mit machurlaubfahrrennrad.com beobachte ich Radfahrer in einer besonders interessanten Phase ihrer Reiseentscheidung: Sie wollen bereits verreisen, wissen aber oft noch nicht genau, wohin und mit wem. In den Suchanfragen, über die Menschen auf unsere Inhalte stoßen, tauchen deshalb nicht nur Destinationen auf. Da wird nach Rennradurlaub für Anfänger gesucht. Nach geführten Rennradreisen. Nach Rennradcamps. Nach Rennradurlaub für Singles. Nach Trainingslagern im Frühjahr oder Rennradurlaub im Oktober.

Das Interessante daran sind für mich nicht die Suchmaschinen. Es sind die Menschen hinter diesen Begriffen. Wer nach einem Rennradcamp für Anfänger sucht, sagt damit mehr über sich selbst aus als mit der Information, dass er ein Rennrad besitzt. Er beschreibt seine Situation. Seine Erwartungen. Vielleicht sogar seine Unsicherheit. Und genau darin steckt eine Chance für die Produktentwicklung.

Rookie Rennradcamp: Bewusst nicht für alle

Ein Beispiel aus unserer eigenen Arbeit ist das Rookie Rennradcamp. Schon der Name grenzt ein. Es ist kein Trainingslager für alle Rennradfahrer. Es richtet sich an Menschen, die mit dem Rennradfahren beginnen oder ihre ersten Erfahrungen vertiefen möchten. Das verändert das gesamte Produkt. Es verändert die Kommunikation, die Anforderungen an die Guides, die Streckenplanung, die Gruppendynamik und die Erwartungen an die Betreuung. Ein Anfänger möchte nicht nur wissen, wie viele Höhenmeter eine Tour hat.

Er möchte wissen, ob er mithalten kann. Ob jemand auf ihn wartet. Ob er Fragen stellen darf, ohne sich lächerlich zu machen. Und ob er am Ende des Tages stolz auf das sein kann, was er geschafft hat. Das sind keine technischen Eigenschaften eines Rennradurlaubs. Das sind menschliche Bedürfnisse.

In einem ausgewerteten Zeitraum erzielte unsere Rookie-Camp-Seite rund 9.500 Google-Impressionen und 759 Klicks. Diese Zahlen beweisen für sich genommen noch keinen Produkterfolg. Sichtbarkeit hängt auch von Suchvolumen, Rankings und anderen Faktoren ab. Aber sie sind ein interessantes Nachfragesignal. Vor allem zeigen sie, dass ein bewusst eng formuliertes Angebot auf konkrete Interessen trifft.

Vielleicht ist Spezialisierung also nicht die Kunst, möglichst viele Kunden auszuschließen. Sondern die Kunst, den richtigen Kunden das Gefühl zu geben: Genau das ist für mich.

Und das ist ein gewaltiger Unterschied.

2. Die Destination ist nicht mehr unbedingt der Ausgangspunkt einer Reise

Im Tourismus denken wir gerne in Destinationen. Toskana. Dolomiten. Emilia-Romagna. Gardasee. Mallorca. Wir zeigen Landschaften, Hotels, Sehenswürdigkeiten und Radrouten. Dann hoffen wir, dass jemand sagt: Dort möchte ich hin. Doch immer häufiger beobachte ich eine andere Logik. Jemand hat im Oktober eine Woche Urlaub. Er möchte noch einmal bei angenehmen Temperaturen Rennrad fahren. Vielleicht mit drei Freunden. Anspruchsvolle Anstiege wären schön. Gutes Essen gehört dazu. Und ein ortskundiger Guide, der Deutsch spricht, wäre auch nicht schlecht.

Wo genau soll die Reise hingehen? Das steht noch gar nicht fest. Der Wunsch nach einer bestimmten Erfahrung ist bereits da. Die Destination wird erst danach gesucht. Das ist eine andere Ausgangslage für touristisches Marketing.

Erst das Was. Dann das Wo.

Ein Beispiel aus meiner Arbeit sind Suchanfragen wie „Rennradfahren Oktober Italien“. Darin steckt bereits erstaunlich viel Information. Die Aktivität ist klar: Rennradfahren. Der Zeitraum ist klar: Oktober. Ein geografischer Rahmen ist ebenfalls vorhanden: Italien. Aber ob die Reise nach Cesenatico, Riccione, an den Gardasee oder in eine andere Region führen soll, ist noch offen. Für mich ist deshalb weniger interessant, welche Website bei Google an erster Stelle steht.

Mich interessiert, was der Mensch zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden hat – und was noch nicht. Genau an dieser Stelle entstehen Möglichkeiten für Regionen, Hotels, Guides und Reiseveranstalter. Wer überzeugend erklären kann, warum seine Region im Oktober besonders gut zu diesem Urlaubswunsch passt, hat einen anderen Zugang zum Kunden als jemand, der lediglich seine Destination bewirbt. Die Frage lautet nicht nur: Was kann man bei uns unternehmen? Sondern: Für welchen Reisewunsch sind wir eine besonders gute Antwort?

Eine Radausfahrt dauert einige Stunden. Der Urlaub dauert den ganzen Tag.

Ein weiterer Punkt wird im Radtourismus gerne unterschätzt. Selbst der ambitionierteste Rennradfahrer sitzt nicht 24 Stunden am Tag auf dem Fahrrad. Nach vier, fünf oder sechs Stunden ist die Ausfahrt vorbei. Und dann? Dann möchte er essen. Vielleicht ein gutes Glas Wein trinken. Einen Ort entdecken. Mit Menschen sprechen. Am Meer sitzen. Durch eine Altstadt schlendern. Sich erholen. Oder einfach einen gelungenen Abend verbringen.

Deshalb ist für mich die Entwicklung vom Radurlaub zum Urlaub für Radfahrer so interessant. Das klingt zunächst nach Wortklauberei. Ist es aber nicht. Beim klassischen Radurlaub steht häufig die sportliche Aktivität im Zentrum der Kommunikation. Beim Urlaub für Radfahrer betrachten wir den ganzen Menschen und seinen gesamten Aufenthalt. Genau das erlebe ich bei unseren Reisen nach Italien. Natürlich sind Strecken, Anstiege und die Qualität der Ausfahrten entscheidend. Aber wenn ich an die Erlebnisse denke, über die Menschen später sprechen, dann sind es oft auch die gemeinsamen Essen, die Gespräche unterwegs, eine überraschende Entdeckung oder die Atmosphäre eines Ortes.

Gerade Regionen wie die Emilia-Romagna besitzen hier enorme Möglichkeiten. Nicht nur, weil man dort hervorragend Rad fahren kann. Sondern weil sich Sport, Gastronomie, Kultur, Landschaft und Gastfreundschaft zu einer Erfahrung verbinden lassen, die weit über eine GPX-Datei hinausgeht.

Was bedeutet das für die Produktentwicklung?

Ein Rennradwochenende muss nicht ausschließlich über Kilometer und Höhenmeter definiert werden. Ein Gravel-Angebot kann ebenso von Kulinarik und regionalen Begegnungen leben. Ein Trainingscamp braucht andere Rahmenbedingungen als eine Genussreise. Eine Reise für Paare mit unterschiedlichem Leistungsniveau benötigt vielleicht flexible Tourenangebote, aber vor allem ein Urlaubskonzept, bei dem sich beide wohlfühlen. Und ein Anfänger-Camp braucht keine möglichst spektakuläre Königsetappe, sondern ein Umfeld, das Vertrauen schafft.

Das Produkt beginnt nicht beim Fahrrad. Es beginnt bei dem Erlebnis, das ein Mensch sucht. Die Destination bleibt wichtig. Aber sie ist nicht zwangsläufig mehr der erste Gedanke.

3. Vergesst die Suche. Die Empfehlung wird entscheidend.

Jetzt wird es für das touristische Marketing besonders spannend. Über viele Jahre funktionierte die digitale Reiseplanung nach einem vertrauten Muster. Jemand hatte eine Idee. Er gab einige Begriffe bei Google ein. Er klickte sich durch Websites, verglich Angebote, las Bewertungen und entschied sich irgendwann für eine Destination, einen Veranstalter oder ein Hotel. Suchmaschinenoptimierung, Sichtbarkeit und Rankings waren deshalb zentrale Aufgaben des digitalen Marketings. Sie bleiben wichtig.

Aber die Art, wie Menschen nach Reisen suchen, verändert sich. Wir müssen nicht mehr unbedingt wissen, welche Suchbegriffe uns zum passenden Angebot führen. Wir können einfach beschreiben, was wir erleben möchten.

Vier Freunde aus Österreich, ein Urlaubswunsch und eine interessante Antwort

Für meinen Vortrag bei Italy Bike Hotels habe ich ein Experiment gemacht.Ich habe Google (anonym) nicht nach „Bike Hotel Italien“ oder „Rennradhotel Emilia-Romagna“ gefragt. Stattdessen habe ich auf Deutsch eine konkrete Urlaubssituation beschrieben: Wir sind vier Freunde aus Österreich und wollen im Oktober in Italien Rennrad fahren. Wir suchen schöne Anstiege, gutes Essen und natürlich einen deutschsprachigen Guide, der sich vor Ort gut auskennt.

Was steckt in dieser Anfrage? Eine Zielgruppe: vier Freunde aus Österreich. Ein Zeitpunkt: Oktober. Eine Aktivität: Rennradfahren. Mehrere Erwartungen: schöne Anstiege, gutes Essen und ein deutschsprachiger Guide mit Ortskenntnis. Was fehlt? Eine konkrete Destination. Ein bestimmtes Hotel. Ein Veranstalter.

Und trotzdem kann ein KI-gestütztes System aus dieser Beschreibung Empfehlungen ableiten. In meinem Test empfahl Google unter anderem machurlaubfahrrennrad.com und Italy Bike Hotels. Ich gebe zu: Über diese Antwort habe ich mich gefreut. Nicht nur, weil unser eigenes Projekt auftauchte. Sondern weil das Beispiel sehr anschaulich zeigt, wie sich die Reiseentscheidung verändern kann. Die Person beschreibt sich selbst und ihre gewünschte Erfahrung. Das System versucht, passende Angebote zu finden.

Aus einer Suche nach Begriffen wird eine Suche nach Relevanz. Natürlich ist eine einzelne KI-Antwort kein Beweis dafür, dass ein Angebot dauerhaft empfohlen wird. Solche Ergebnisse können sich ändern und von verschiedenen Faktoren abhängen. Aber als Momentaufnahme zeigt sie, wohin sich die digitale Reiseplanung entwickelt.

Auch Italy Bike Hotels hat den Wandel bereits erkannt

Interessant ist, dass Italy Bike Hotels auf seiner Website selbst schon mit WillAI, einer intelligenten Suche, arbeitet. Die Veränderung ist also keine ferne Zukunftsvision. Sie findet bereits statt. Das ist ein entscheidender Unterschied. Die Frage lautet nicht mehr, ob künstliche Intelligenz irgendwann den Tourismus beeinflussen wird. Die interessantere Frage lautet: Welche Konsequenzen hat sie für die Art, wie wir touristische Angebote entwickeln und kommunizieren?

Bisher haben wir uns im Marketing sehr häufig gefragt: Wie werden wir gefunden? In Zukunft müssen wir uns zunehmend auch fragen: Warum sollten wir empfohlen werden? Und damit sind wir bei einem Thema, das meiner Meinung nach für Hotels, Destinationen und Reiseveranstalter besonders wichtig wird.

4. Bike Hotel ist kein Positionierungskonzept mehr

Diesen Satz habe ich bei meinem Vortrag bewusst zugespitzt. „ESSERE UN BIKE HOTEL NON È UN POSIZIONAMENTO.“ Bike Hotel zu sein, ist kein ausreichendes Alleinstellungsmerkmal mehr. Das ist keine Kritik an Italy Bike Hotels. Im Gegenteil. Die Organisation hat über viele Jahre dazu beigetragen, Qualitätsstandards für radfahrende Gäste zu etablieren. Sichere Fahrradräume. Werkstätten. Waschmöglichkeiten. Wäscheservice. Tourenvorschläge. Guides. Technische Unterstützung. Verpflegung nach der Ausfahrt.

All das ist wichtig. Für einen Radfahrer sind solche Leistungen oft sogar Voraussetzung für die Hotelentscheidung. Aber genau darin liegt die Herausforderung. Wenn viele gute Bike Hotels diese Leistungen anbieten, warum sollte sich ein Gast ausgerechnet für eines davon entscheiden? Ein sicherer Fahrradraum beweist, dass ich Radfahrer beherbergen kann. Er erklärt aber noch nicht, für welche Radfahrer mein Hotel besonders gut geeignet ist. Eine Werkstatt ist ein wichtiger Service. Aber sie erzählt noch keine Geschichte, warum jemand gerade hier seinen nächsten Radurlaub verbringen sollte. Und eine Sammlung von GPX-Tracks ersetzt kein erkennbares Urlaubskonzept.

Qualität ist die Voraussetzung. Nicht automatisch die Differenzierung.

Ich halte Standards für unverzichtbar. Aber Standardisierung und Positionierung sind zwei verschiedene Aufgaben. Die Standardisierung beantwortet die Frage: Was muss ein gutes Bike Hotel leisten? Die Positionierung beantwortet eine andere: Für wen sind wir die besonders richtige Wahl – und warum? Vielleicht ist ein Hotel ideal für ambitionierte Rennradgruppen. Ein anderes für Einsteiger, die geführte Touren und persönliche Betreuung wünschen. Ein drittes für Gravel-Reisende, die Kulinarik und Naturerlebnisse verbinden möchten. Ein weiteres für Paare, die zwar gemeinsam verreisen, aber nicht jeden Tag gemeinsam dieselbe Tour fahren wollen. Alle können hervorragende Bike Hotels sein. Aber sie müssen nicht dieselbe Geschichte erzählen. Und genau darin steckt eine große Chance.

5. Wer für alle da sein will, wird schnell austauschbar

Ich beobachte in der touristischen Kommunikation immer wieder denselben Reflex. Man möchte möglichst niemanden ausschließen. Also bietet man etwas für Rennradfahrer, Mountainbiker, Gravel-Fans, E-Biker, Anfänger, Profis, Familien, Gruppen und Individualreisende an. Am besten alles gleichzeitig. Das Ergebnis sind häufig Angebote, die erstaunlich ähnlich klingen. Schöne Landschaft. Individuelle Betreuung. Unvergessliche Erlebnisse. Perfekte Bedingungen. Für jeden etwas dabei. Das Problem ist nicht, dass diese Aussagen falsch wären. Das Problem ist, dass sie kaum unterscheidbar sind. Und was kaum unterscheidbar ist, lässt sich leicht vergleichen. Häufig über den Preis.

Einen versperrbaren Fahrradraum kann man kopieren. Eine starke Identität nicht so leicht.

Ein anderes Hotel kann ebenfalls eine sichere Bike-Garage bauen. Es kann eine Werkstatt einrichten. Es kann GPX-Tracks anbieten. Es kann einen Guide engagieren. Was deutlich schwieriger zu kopieren ist, ist eine glaubwürdige Identität. Eine klare Vorstellung davon, für wen man arbeitet. Eine erkennbare Art, Erlebnisse zu gestalten. Eine Kommunikation, die genau die richtigen Menschen anspricht. Und vor allem die Fähigkeit, dieses Versprechen im tatsächlichen Urlaub einzulösen. Das ist für mich der entscheidende Punkt. Positionierung darf keine Marketingbehauptung bleiben. Sie muss im Produkt erlebbar sein.Sonst ist sie nur ein hübscher Satz auf einer Website.

Was das Rookie Rennradcamp damit zu tun hatBeim

Rookie Rennradcamp beginnt die Positionierung nicht mit einem Werbeslogan. Sie beeinflusst das Angebot selbst. Welche Strecken wählen wir? Wie schnell fährt die Gruppe? Wie erklären wir Abläufe? Welche Fragen müssen wir vor der Buchung beantworten? Wie schaffen wir Sicherheit und ein gutes Gruppengefühl? Wie kommunizieren wir, dass niemand Angst haben muss, nicht gut genug zu sein? Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, ergibt die passende Kommunikation wirklich Sinn. Genau deshalb sehe ich Produktentwicklung und Marketing nicht als zwei getrennte Disziplinen. Gutes Marketing macht ein gutes Produkt sichtbar. Gute Produktentwicklung gibt dem Marketing überhaupt erst etwas Relevantes zu erzählen. Das gilt für einen Rennradcamp-Anbieter genauso wie für ein Bike Hotel oder eine ganze Tourismusdestination.

6. Die Zukunft gehört nicht unbedingt den Größten. Sondern den Relevantesten.

Was verbindet nun diese drei Entwicklungen? Der Radfahrer wird spezifischer. Seine Urlaubswünsche werden spezifischer. Und digitale Empfehlungssysteme können immer konkretere Beschreibungen solcher Wünsche verarbeiten. Daraus ergibt sich eine logische Konsequenz: Auch touristische Angebote müssen erkennbarer werden. Nicht zwingend kleiner. Nicht zwangsläufig exklusiver. Aber klarer. Ein Hotel kann verschiedene Zielgruppen ansprechen. Eine Region kann unterschiedliche Reiseerlebnisse anbieten. Ein Veranstalter kann mehrere Produkte entwickeln. Entscheidend ist, dass diese Angebote jeweils verständlich und glaubwürdig positioniert sind. Wer eine bestimmte Urlaubssituation besonders gut löst, hat gute Chancen, für genau diese Situation relevant zu werden. Für Menschen.

Für persönliche Empfehlungen. Und zunehmend auch für digitale Systeme, die Angebote vorschlagen.

Spezialisierung ist auch eine wirtschaftliche Entscheidung

Je spezifischer ein Angebot ist, desto weniger lässt es sich ausschließlich über den Preis vergleichen. Natürlich verschwindet der Preiswettbewerb dadurch nicht. Und Spezialisierung garantiert weder höhere Preise noch mehr Buchungen. Aber sie verändert die Vergleichsgrundlage. Wer zwei nahezu identische Hotelzimmer vergleicht, wird häufig den Preis berücksichtigen. Wer dagegen ein sorgfältig entwickeltes Rennradcamp für Anfänger mit persönlicher Betreuung sucht, vergleicht nicht mehr nur Zimmerpreise. Er vergleicht Vertrauen, Gruppenerlebnis, Kompetenz und die Aussicht, dass dieser Urlaub wirklich zu ihm passt. Das ist ein anderer Wettbewerb.

Und genau deshalb glaube ich, dass die nächste Entwicklungsstufe im Radtourismus nicht allein in noch mehr Infrastruktur oder zusätzlichen Serviceleistungen liegt. Sondern in besserem Verständnis der Nachfrage, klarerer Produktentwicklung und konsequenterer Positionierung.

Was ich aus Rimini mitgenommen habe

Der Auftritt bei der TTG Travel Experience war für mich eine besondere Erfahrung. Nicht nur, weil ich meine Gedanken auf einer internationalen Tourismusmesse präsentieren durfte. Sondern weil ich meine tägliche Arbeit einmal aus einer anderen Perspektive betrachten konnte. Als Radfahrer kenne ich das Erlebnis. Als Autor und Content-Produzent beschäftige ich mich damit, welche Geschichten Menschen interessieren. Als Entwickler von Radreiseprodukten erlebe ich, welche Erwartungen vor einer Reise entstehen und welche Details während einer Reise wirklich wichtig werden. Und mit impulsetogo beschäftige ich mich mit der Frage, wie aus solchen Beobachtungen überzeugende touristische Angebote und eine wirksame Kommunikation entstehen.

Diese Perspektiven gehören für mich zusammen. Ich möchte Radtourismus nicht nur analysieren. Ich möchte ihn gestalten. Und ich glaube, dass genau darin eine der großen Aufgaben der kommenden Jahre liegt: Die Erkenntnisse über die Nachfrage müssen stärker in die tatsächliche Produktentwicklung einfließen.

Nicht jede neue Fahrradkategorie braucht automatisch ein neues Urlaubspaket. Nicht jede Destination braucht dieselben Angebote. Und nicht jedes Hotel muss versuchen, alle Radfahrer gleichermaßen anzusprechen. Manchmal ist die bessere Frage nicht:

Was könnten wir noch anbieten? Sondern: Für wen wollen wir eigentlich unverzichtbar werden?

Der Radtourismus ist nicht tot. Seine alten Schubladen werden zu eng.

Am Ende meines Vortrags bin ich zu meiner ursprünglichen Provokation zurückgekehrt. Il cicloturismo non esiste più. Natürlich gibt es den Radtourismus weiterhin. Und er bietet enorme Chancen. Aber vielleicht sollten wir aufhören, ihn ausschließlich über Fahrradtypen, Destinationen und touristische Infrastruktur zu definieren. Stattdessen sollten wir genauer hinsehen.

  • Wer sind die Menschen, die zu uns kommen?
  • Warum möchten sie verreisen?
  • Welche Erfahrungen suchen sie?

Und was können wir anbieten, das für genau diese Menschen einen echten Unterschied macht?

Denn die Zukunft des Radtourismus wird meiner Meinung nach nicht allein dadurch entschieden, wer die meisten Radwege, die schönsten Bilder oder die umfangreichste Hotelausstattung besitzt. Sondern auch dadurch, wer die Menschen hinter dem Fahrrad am besten versteht. Oder, wie ich es in Rimini formuliert habe:

„PER CHI, PERCHÉ E PER QUALE ESPERIENZA VOLETE DIVENTARE INSOSTITUIBILI?“

Für wen, warum und mit welchem Erlebnis wollt ihr unverzichtbar werden?

Eine Frage, die ich nicht nur den Bike Hotels in Rimini stellen würde. Sondern jeder Destination, jedem Hotel und jedem Reiseveranstalter, der im Radtourismus auch morgen noch eine relevante Rolle spielen möchte.

Der Radtourismus ist tot. Es lebe der Radtourismus.
Fine.

„Sie entwickeln Radreiseangebote, führen ein Bike Hotel oder möchten Ihre Destination für neue Zielgruppen positionieren? Ich verbinde Nachfrageanalyse, touristische Produktentwicklung und Kommunikation – aus der Praxis für die Praxis.“


Ich bin Cristian. Radfahrer, Autor, Bike Guide und Entwickler touristischer Produkte. Mit machurlaubfahrrennrad.com gestaltet ich Radreisen und Erlebnisse für deutschsprachige Rennrad- und GravelfahrerInnen. Auf dieketterechts.com beschäftigt ich mich mit Geschichten und Kultur rund ums Fahrrad. Mit impulsetogo verbindet ich Marketing, Kommunikation und touristische Produktentwicklung.

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